Gehen oder bleiben?



Es ist wie das Zittern der Fingerspitzen eines Süchtigen.

Du spürst das Kribbeln, die feuchten Innenseiten Deiner Hände. Du weißt es... Du brauchst es. Jede Ablenkung ist lediglich eine Ablenkung auf Zeit. Deine Gedanken sind wie ein Strudel, der nur eine Richtung kennt: Raus! Dieses Gefühl ist die Sucht nach der Welt. Du weiß, dass das hier nicht alles ist. Das es da draußen noch mehr gibt und Du es sehen musst.

 

Das Fernweh zieht an unserem Rockzipfel. Wie ein kleines Kind, das mit Dir spielen möchte: "Na los... Komm schon... Ich warte auf Dich... Wo bleibst Du denn? Lass uns endlich eine Sandburg bauen." Du hörst es Tag und Nacht in Deinem Ohr flüstern, singen, Dich überreden.

 

Du flüchtest Dich in Gedanken. Atmest ein. Atmest aus. Dein Herz pocht in Deiner Brust und Du erinnerst Dich, wie sich warmer Sand zwischen Deinen Zehen anfühlt, wie das Meereswasser Deine Haare herunter tropft und eine Gänsehaut auf Deine Haut zaubert. Und diese Gedanken beherrschen ohne Unterbrechung Deinen Alltag. Landkarten, Souvenirs und Träume erinnern Dich schmerzlich an Deine vergangene Liebe... Das Reisen. Es ist wie Liebeskummer einer nicht ganz beendeten Beziehung. Es ist vorbei, aber Du weißt, dass ihr noch eine Chance habt und nur die Zeit euch wieder vereinen kann. Also wartest Du, geduldest Dich. Du lässt die Tage hinfort fliegen und weißt, dass Du bald wieder die Chance bekommst, einen Blick auf Deine Liebe zu erhaschen. Deine große Liebe: Die Welt!

 

Warum fühlen wir uns nur auf Reisen wie wir selbst? Wie der richtige Mensch, der wir in unserem normalen Leben eigentlich nicht sein können, müssen, dürfen? Warum sind wir nur dort so lebendig und so präsent wie wir es sonst nie schaffen zu sein? Macht der Alltag aus uns eine andere Person? Eine fremde Person? Du trittst hinaus in die Welt und plötzlich wirst Du zu Dir selbst, zu dieser einen echten Person. Du spürst diese Verbindung zu Dir, zu dem Planeten und zu Deinen Mitmenschen. Du spürst Dankbarkeit, Liebe und eine tiefe Erfüllung, die Dir beweist, dass es Dich doch noch gibt. Das Du Dich nicht verloren hast, sondern nur Dein wahres Ich hinter dieser Fassade versteckt gehalten hast. Und wenn Du Dir selbst dann wieder begegnest, verliebst Du Dich erneut. In Dich! Solltest Du diesen Zustand nicht versuchen für immer zu halten? Die Liebe zu Dir nie zu vergessen? Ist die Konsequenz daraus, dass Du gehen musst? Weg von all dem Bekannten um im Unbekannten erneut Dir selbst zu begegnen?

 

Manchmal stellt sich uns Reisenden die Frage: ist unsere Heimat noch unsere Heimat? Oder ist Heimat der Ort wo Dein Herz ist? Mal sehnst Du Dich nach der Ferne und mal nach Deinem zu Hause. Du lebst zwei Leben. Und entweder versuchst Du aus zwei eins zu machen oder lebst zwei und akzeptierst es. Aber vielleicht drängt sich Dir der Gedanke auf, dass Du genau das nicht bist. Das dies hier nicht Deine Heimat ist und Dein Herz schon längst nicht mehr hier wohnt. Das Dich Sonne, Meer und Sterne davongetragen haben und Deine Seele bereits reist, auch wenn Dein Körper sich immer noch versucht in Sicherheit zu wiegen. Und nun? Bleibst Du oder gehst Du? Sicherheit versus Abenteuer. Heimat versus Fremde. Und vielleicht doch eine Heimat in der Fremde?

 

Reicht es Dir, 30 Tage im Jahr Deine Sucht zu stillen? Kannst Du mit dieser Einschränkung durch das System leben? Dann beklage Dich nicht und sei zufrieden mit dem was Du hast. Doch mir reicht das nicht. Ich werde meine Zeit nicht verkaufen nur um ein Leben zu führen, was ich nicht mit Leidenschaft und Liebe erfülle. Ich werde dieses kostbare Geschenk nicht an den Staat verhökern nur um einen Neuwagen zu fahren, zwei Kleiderschränke zu füllen aber das Herz unerfüllt zu lassen. Und dann musst Du dieser Sucht nachgeben. Du musst Abschied nehmen um Deinem Herzen wieder Luft zum Atmen zu geben. Kreiere Dein Leben neu, denn die Chancen werden Dir geschenkt. Und wenn Du es willst, schaffst Du es! Solltest Du Ausreden suchen, schreib mir. Ich wird sie Dir schon austreiben.

 

Suche nach dem Mut, der Dir den wahren Weg zeigt. Lebe dieses eine Leben, das Dich lebendig sein lässt und zulässt, dass Du der bist, der Du tatsächlich auch bist. Du hast nur dieses eine wertvolle Leben, dass Dir geschenkt wurde. Lebe es und liebe es ohne Reue. Egal ob es bedeutet zu gehen oder zu bleiben. Doch in Deinem Vagabundenherz weißt Du, dass es nur einen einzigen Weg gibt und Du kennst ihn bereits, wenn Du nur ganz genau zuhörst. Also gib Deiner Sucht nach. Wozu eine Therapie machen, wenn diese Sucht doch eigentlich die beste Therapie ist.

 

Alexandra.

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Kommentare: 8
  • #1

    Die Christin (Dienstag, 12 Juli 2016 10:08)

    Hey, hey ihr beiden!

    Nice! Ich gratuliere Euch beiden zu dem tollen Beitrag.

    Alexandra, der ist super geschrieben und spricht mir als Reisesüchtige aus der Seele. Wie wichtig, sich nicht dem System mit all seinen Vorgaben hinzugeben, sondern sein Leben zu leben! Yessss.

    Und dir Herwig gratuliere ich zur schicken Seite und deiner guten Hand bei den Gastbeiträgen :-)

    Schöne Grüße aus Köln sendet euch,

    Christin

  • #2

    Kuno (Dienstag, 12 Juli 2016 13:02)

    Wow, der Artikel ist so verdammt treffend und sagt in einer direkten Art wie es ist. Gefällt mir sehr, sehr gut!
    Liebe Grüße, Kuno

  • #3

    Paul (Dienstag, 12 Juli 2016 21:42)

    Mit diesem Beitrag werde auch ich exakt beschrieben. Genial, schon der Anfang ist super mit den Zittern der Fingerspitzen =).

    Sehr gelungen, ehrlich und authentisch =). Ich teile diesen Text mal auf meiner Seite =)

  • #4

    Itinera Magica (Dienstag, 12 Juli 2016 23:12)

    Absolut wunderbarer Text! Wie wahr...

  • #5

    Claire (Mittwoch, 13 Juli 2016 11:23)

    Finde den Text ebenfalls super! Trifft es genau und macht Lust darauf, einfach einmal seiner Inutition zu folgen und auszubrechen.

  • #6

    Caro (Mittwoch, 13 Juli 2016 11:38)

    Liebe Alex :)

    Wow, wow, wow!
    Was für ein super Artikel! Toll geschrieben und er spricht mir so sehr aus der Seele.
    Ich kann auch nicht ohne und werde spätestens nach ein paar Wochen hochgradig nervös, wenn ich nicht endlich mal wieder losziehen kann.

    Schöne Grüße,
    Caro

  • #7

    Alex (Mittwoch, 13 Juli 2016 12:05)

    Zunächst danke an Herwig... Du hast einen älteren Text ausgebuddelt und mich dazu "gezwungen" ihn zu entstauben. Als ich ihn geschrieben habe, war nicht daran zu denken, dass ich dieser Sucht nachgebe und einfach alles weggebe um auf Reisen zu gehen. Nun wage ich es aber doch.
    Sehr cool finde ich, dass Du, Herwig, mich nicht wie fast jeder andere über Facebook gefunden hast... Wir sind uns einfach gegeseitig auf Instagram gefolgt. Finde ich so alternativ easy.
    Und ich freue mich total über diese tollen Kommentare. Wie lieb das ist und wie toll zu wissen, dass man im Raum der anonymen Reisesüchtigen nicht alleine sitzt, sondern einen großen Kreis bilden kann. (Hallo, mein Name ist Alex und ich bin reisesüchitg)
    Merci!!! Und alles erdenklich tolle für euch alle!!!
    Liebe Grüße
    Alex

  • #8

    Chrissi (Mittwoch, 13 Juli 2016 21:04)

    Alex! Dein Text ist nicht nur wunderbar geschrieben, sondern auch Inhaltlich perfekt! Ich kenne dieses Gefühl auch all zu gut! Im Moment kommt das Fernwehkribbeln alle paar Minuten über mich!
    <3 and dich und Herwig!
    Chrissi